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geschrieben am: 04.02.2002 um 20:42 Uhr
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[i]"Aber was passiert denn mit unserer... Scheiße? Die muß doch auch irgendwo hin... , und unten im Klo... , da könnten Ratten sein!”
Kern lachte lauthals.
"Wer hat dir den solch einen Unsinn erzählt? Nein, gottverdammt, wir leben in einer sauberen Gegend hier! Verdammt sauber sogar! Unsere ganzen Fäkalien”, mit unzweifelhaften Gesten gab Kern seinem Sohn zu verstehen, was es mit diesem Wort auf sich hatte, "wandern nach unten in die Kanalisation. Das sind große Rohre unter der Stadt. Und dieses Gewirr aus Gängen wird ständig überwacht, von Fachleuten, das kannst du mir glauben! Ein ganzer Trupp Spezialisten geht da unten ständig spazieren. Da gibts keine Ratten, und wenn ja mal eine dort unten sein sollte, wird sie gleich aufs Übelste gekillt! Den Kerlen entgeht nichts!”
"Keine Ratten?”
"Nicht eine einzige! Hier liegt auch kein Müll auf den Straßen wie in den Slums, die du manchmal in den Nachrichten siehst und wo die Viecher sonst hausen. Verstehst du, mein Junge: es kann hier gar keine Ratten geben! Das ist einfach nicht möglich!”
"Aber Thorsten hat gesagt...”. Tommy sah bei diesen Worten von seinem Vater weg, fixierte einen beliebigen imaginären Punkt im Zimmer. Er klang dabei aber recht kleinlaut, gerade so, als hätte man ihn schon fast davon überzeugt, daß seine Ängste unbegründet waren.
"Thorsten darfst du nicht so ernst nehmen! Er ist doch auch nur ein Kind wie du, und Kinder wissen in manchen Dingen eben nicht so gut Bescheid wie wir Erwachsenen.”
"Er hat aber gesagt, daß er eine gesehen hat. Eine große, dicke Ratte direkt vor seinem Haus!”
"Wer weiß, was Thorsten da gesehen hat!”, lachte Kern. Er bemerkte natürlich, daß sein Sohn in seiner Überzeugung unsicher wurde, ein sicheres Anzeichen, daß seine Ausführungen von Erfolg gekrönt sein würden.
"Vielleicht hat er ein Wiesel gesehen oder ein Frettchen... Vielleicht hat er dich aber einfach nur angeflunkert!”
"Thorsten lügt doch nicht!”, widersprach ihm Tommy. Er klang aber selbst nicht so ganz davon überzeugt, da er Thorsten ganz gut kannte und wußte, daß sein Freund ab und an auch schon mal flunkerte.
"Paß auf, mein Sohn: wenn Thorsten tatsächlich eine Ratte gesehen hat, dann mal ich mich blau an und tanze nackt die Straße herunter! Bis runter zu den Fredemanns!”
Tommy kicherte bei dem Gedanken.
"Das würdest du tatsächlich tun? In echt?”
"Neee, ganz bestimmt würde ich das NICHT tun! Außer, wenn es tatsächlich Ratten hier gäbe... Aber das tut es eben nicht, das kannst du mir glauben! Thorsten hat keine Ratte gesehen, und deshalb kannst du jetzt beruhigt schlafen gehen.”
"Nun ja... Du hast bestimmt recht, Paps.”
Kern bemerkte zufrieden, daß dieser ängstliche, angespannte Ausdruck im Gesicht seines Sohnes verschwunden war. Er fühlte sich selbst besser... Ein wenig zumindest. Aber er wußte auch nur zu genau, daß die Ängste seines Kindes jederzeit heute Nacht zurückkehren konnten, und dann würde er an der Arbeit sein und ihm nicht beistehen können. Auf Jennifer zählte er in keinester Weise, und in solch einem Falle schon gleich gar nicht.
"Nun komm, Kleiner. Ich bring dich ins Bett.”
Er nahm den Jungen bei der Hand und gemeinsam gingen sie nach oben in das Zimmer des Kindes, welches sich direkt neben Kerns Schlafzimmer befand. Das Schlafzimmer, in welchem sich schon seit geraumer Zeit nichts mehr von Bedeutung ereignete.
Doch Kern wischte diesen trüben Gedanken beiseite, genoß an Stelle dessen jenes plötzliche Gefühl von Wärme und Verbundenheit zu seinem Sohn. Er hoffte, daß ihn diese innere Wärme durch die schwüle, arbeitsreiche Nacht geleiten möge.
Kern betrat das Reich seines Sohnes.
"Geh noch schnell ins Bad und putz dir die Zähne, Junge. Ich warte solange hier auf dich. Mach 's aber ja ordentlich!”
Tommy verschwand in der Toilette zwei Zimmer weiter, Kern blieb allein zurück. Er setzte sich in den kleinen Drehstuhl am Schreibtisch, starrte ziellos in den Raum.
Micky Maus und Goofy starrten ihn blöde von einem Poster direkt über dem Bett aus an, Modellflugzeuge (die er zum größten Teil selbst für Tom gebaut und angemalt hatte) hingen an dünnen Drähten von der Decke, so, als würden sie gerade einen Luftangriff fliegen. Eine Welle von Sentimentalität kam über ihn, er dachte zurück an....
...seine Kindheit. Vater war Alkoholiker. Er schlug Kern sehr häufig, noch häufiger jedoch Mutter, die den zahllosen psychischen und physischen Brutalitäten hilflos ausgeliefert war und nach all den Jahren des Kampfes nicht länger die Kraft dazu aufbrachte, sich und ihrem Sohn Schutz zu bieten. Dies war die Welt, in der Kern aufwuchs - eine ganz private Hölle auf Erden.
Mit 16 Jahren verließ er sein Elternhaus, ließ seine Mutter allein zurück im Grauen des Alltags und schlug sich eine Weile mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. Er verdiente gerade genug Geld, um nicht in der Gosse zu landen und zu verrecken.
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